Nesthäkchen und der Weltkrieg – Else Ury – Meidingers Jugendschriften Verlag

Nesthäckchen und der Weltkrieg

Alles hatte sich verändert. Für Annemarie war es schwer sich daran zu gewöhnen, ohne die Mutter zurechtzukommen. Diese saß in England fest und Annemarie rechnete jeden Tag mit deren Rückkehr.

Singende Soldaten marschierten jetzt durch die Straßen und eine Siegesnachricht ließ alle die Flaggen hissen. Als die Schule wieder anfangen sollte wurde diese in ein Lazarett umgewandelt und Lehrer und Schülerinnen hatten die Aufgabe die Schule zu räumen. Nachdem dies bewältigt war wurden zwei Hilfsabteilungen gegründet, und Annemarie meldete sich zur Strick- und Nähabteilung. Die Vaterlandsliebe bewirkte auch bei Nesthäkchen, dass diese die Strickarbeiten mit Hingabe bewältigte.

Von Mutti kam jedoch gar keine Nachricht und Nesthäkchen machte sich so große Sorgen, dass die Großmama sogar einen Arzt kommen lassen musste. Um die arme Großmama zu entlasten kam Fräulein Lena zurück, deren erste Aufgabe darin bestand, eine Familienflagge zu nähen.

Sieg über Sieg wurde im Jahr 1914 jubelnd von den Berlinern gefeiert. Japan gehörte auch zu Deutschlands Feinden und Annemarie beschloss, den im Haus wohnenden freundlichen Japaner mit Nichtbeachtung zu strafen.

Die Mädchen waren jetzt in einer Volksschule einquartiert und Annemarie entschloss sich wieder einmal zu einer patriotischen Handlung, indem sie beschloss, nicht mehr Französisch zu lernen. Auch Fremdwörter waren verpönt und  Annemarie richtete sogar eine Fremdwortkasse ein, in die jeder einzahlen musste, der ein solches benutzte.

In Berlin kamen in diesen Tagen endlos viele ostpreußische Flüchtlinge an, und Hans, als Pfadfinder, war sogar von der Schule befreit worden, um den ganzen Tag am Bahnhof helfen zu können. Annemarie beschloss zu geben, was sie konnte, ob sie nun weniger essen, oder ihre gesamte Kleidung spenden wollte.

Eines Tages brachte Hans einen Säugling mit, ein Ostpreußenkind, dessen Eltern verschollen waren. Nach kurzem Aufenthalt im Braunschen Haushalt wurde der kleine Junge der Portiersfamilie in Pflege gegeben. Annemaries Klasse schloss einen Junghelferinnenbund um für das kleine Mädchen zu sorgen.

Annemaries Schule war jetzt wieder umgezogen, sie lag weit im Norden der Stadt und ein neues Mädchen war in die Klasse gekommen. Vera aus Polen. Da Polen zu Deutschlands Feinden gehörte, benahmen sich die Mädel Vera gegenüber ausgesprochen feindlich. Da das Mädchen kaum deutsch verstand, wusste es auch anfangs nicht, warum sich die Kinder so feindlich benahmen.

Am ersten Weihnachtsfeiertag gab es endlich eine  Nachricht von der Mutter. So erfuhren sie, dass diese erkrankt war und deshalb die Ausreisefrist verpasst hatte. Auch die vielen Briefe der Mutter kamen nicht durch, ebenso wie sie selbst nur wenige Briefe aus der Heimat erhielt.

Das neue Jahr brachte neben erneuten Siegen für Deutschland auch eine Hungersnot mit sich und es wurden Lebensmittelkarten eingeführt. Auch die  Reichswollwoche forderte Opfer. Es wurde jegliches Wollzeug gesammelt dass man entbehren konnte. Eine schlimme Nachricht kam, in der die Mutter mitteilte, dass sie als Spion verhaftet worden war.

Nachdem Annemarie mit der Osterzensur in die fünfte Klasse versetzt worden war, kam der Vater auf Besuch zu seiner Familie. Durch ein tragisches  Ereignis in Veras Familie wurde diese endlich in der Klasse aufgenommen und Annemarie wurde ihre Freundin.

Auch ein Kriegskind hatte man im Braunschen Haushalt jetzt täglich zu Tisch. Die Lebensmittel waren mittlerweile knapp bemessen und man musste lange dafür anstehen. Um Strom zu sparen wurde die  Sommerzeit in  Deutschland eingeführt.

Und endlich hielt ein Auto vor dem Haus und Frau Braun konnte ihre Kinder wieder in die Arme schließen…

Annemarie Braun, die goldblonde Arzttochter aus Berlin und Heldin der Nesthäkchen Reihe wurde zu einer Identifikationsfigur für viele Mädchengenerationen dieser und unserer Zeit.

[[Else Ury]], geboren 1. November 1877 in Berlin, schuf diese Figur mit ihrem ersten Nesthäkchen Roman. Die Kinderbuchautorin und deutsche Schriftstellerin wäre vorgestern 132 Jahre geworden. Leider wurden ihr nicht mehr als 66 Jahre gegönnt. Sie starb am 13. Januar 1943 unter der Nationalsozialistischen Herrschaft im Konzentrationslager Auschwitz.

Der große Erfolg ihrer damaligen Nesthäkchen Reihe, veranlasste Else Ury dazu, insgesamt 10 Bände mit den folgenden Titeln zu schreiben.

  1. 1913 Nesthäkchen und ihre Puppen
  2. 1915 Nesthäkchens erstes Schuljahr
  3. 1915 Nesthäkchen im Kinderheim
  4. 1917 Nesthäkchen und der Weltkrieg
  5. 1919 Nesthäkchens Backfischzeit
  6. 1921 Nesthäkchen fliegt aus dem Nest
  7. 1923 Nesthäkchen und ihre Küken
  8. 1924 Nesthäkchens Jüngste
  9. 1924 Nesthäkchen und ihre Enkel
  10. 1925 Nesthäkchen im weißen Haar

Alle originalen Bände aus dem Meidinger Jugendschriften Verlag sind noch heute zu humanen Preisen, sieht man einmal von den Erstauflagen ab, erhältlich. Auch die neu aufgelegte Nesthäkchen Reihe ist bis heute, allerdings in einer gekürzten und dem heutigen Sprachstil angepassten Form, im Buchhandel erhältlich.

Diese heute erscheinenden Bände der Reihe vom Thienemann, Hoch, Carlsen oder Bertelsmann Verlag enthalten höchstens 80 %, gelegentlich nur 70% des Originaltextes, einzelne Kapitel bestehen aus weniger als der Hälfte des ursprünglichen Textes. Rechnet man den komplett gestrichenen Band vier mit ein, dann kann man sagen, dass die heutigen Ausgaben der Nesthäkchen – Reihe nur noch zwei Drittel des Originaltextes enthalten.

Wer also die neueren Nesthäkchen Ausgaben liest oder sogar hört (die Reihe ist bereits als Hörbuch erschienen), sollte sich bewusst sein, dass er keinen original Ury Text vor sich hat.

Auch wird der Text in den neueren Auflagen nicht nur formal, sondern inhaltlich moderner. Das betrifft zum einen den Austausch von heute etwas unbekannteren Wörtern durch gebräuchlichere und zum anderen hauptsächlich die restlose Tilgung – oder Verfremdung – aller genauen historischen Bezüge, vor allem in den Bänden drei bis fünf. Namen, Daten und Ortsbezeichnungen fallen weg. Die Reihe spielt jetzt nicht mehr im Kaiserreich, während des Ersten Weltkrieges, dann in der Weimarer Republik, sondern in einem fiktiven Deutschland.

Heißt es beispielsweise im Original: “Österreich hatte Serbien den Krieg erklärt. Das brachte die Gemüter in Aufruhr. Oder vielmehr die Möglichkeit, dass Deutschland als Österreichs Bundesgenosse, falls Russland feindlich vorging, in den Krieg mit hineingezogen werden könnte” (Band 3, 1915, S,168) so ist das  in der Bearbeitung auf einen zusammenhanglosen Satz geschrumpft: “Grenzzwischenfälle verdichteten das Gerücht eines bevorstehenden Krieges” (Band 3, 1986, S.95)

Krieg, gesellschaftliche Umbrüche und Notzeiten werden begriffloser, werden unfassbarer gemacht. Mit den Kürzungen und dem kompletten Streichen des vierten Bandes wird Geschichtslosigkeit erreicht.

Der hier vorgestellte originale 4. Band Nesthäkchen und der Weltkrieg des Meidinger Jugendschriften Verlages ist unter anderem auch aus dem Grund seltener und nur für einen höheren Preis auf dem Gebrauchtbuchhandelsmarkt zu finden und wurde in der Nachkriegsauflage nicht mal mehr erwähnt.

Es ist der Band der Nesthäkchenreihe, der sich aus der Sicht eines Mädchens in der Zeit des 1. Weltkrieges befasst. Else Ury schreibt darin in einem sehr ‘deutschen‘ patriotischem Stil, der nicht mehr in die heutige Zeit des Deutschlands, nach 2 verlorenen Weltkriegen passt.

Um das zu verdeutlichen, füge ich hier noch das Inhaltsverzeichnis der 19 Kapitel von Nesthäkchen und der Weltkrieg an:

  • Nesthäkchen lernt Opfer bringen
  • “Extrablatt!”
  • Wie es in Nesthäkchens Schule aussah
  • Für unsere Vaterlandsverteidiger
  • Nesthäkchen straft Japan
  • Eine kleine Patriotin
  • Nesthäkchen hilft den ostpreußischen Flüchtlingen
  • Eine lebendige Puppe
  • Junghelferinnenbund
  • Vera
  • Weihnachtsabend im Lazarett
  • Endlicht Nachricht
  • Gute Vornahme
  • Streckt eure Vorräte
  • Reichswollwoche
  • Nesthäkchen macht ihr Unrecht gut
  • Das Kriegskind
  • Butterpolonäse
  • Deutsche Sommerzeit

Die Deutsche Nationalbibliothek führt nur ein Exemplar dieses Buches, wobei die Auflage mit dem Jahr 1922 angegeben wurde. Nesthäkchen und der Weltkrieg erschien in schätzungsweise 279.000 Auflagen mit unterschiedlichen Cover und manchmal auch mit Schutzumschlag.

In der oberen Abbildung sehen sie ein sehr gut erhaltenes Buch der 186. – 191. tausendsten Auflage. Unten habe ich einige andere Ausgaben dieses vergriffenen und antiquarischen Buches abgedildet.

Nesthäkchen und der Weltkrieg 1Nesthäkchen und der Weltkrieg 2Nesthäkchen und der Weltkrieg 3

In den unterschiedlichsten Erhaltungszuständen und damaligen Original Auflagen wurde das Buch bei ebay seit dem 24.03.2005 ganze 790 mal erfolgreich verkauft. Der durchschnittlicht Preis lag dabei bei ca. 68,- Euro, wobei das günstigste Exemplar für 14,71 Euro und das teuerste für 223,22 Euro verkauft wurde. Weitere Informationen sind bei Bedarf verfügbar.

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1 Kommentar

  1. christiane werthmann

    Hallo!

    Tja, inzwischen bin ich 72 Jahre alt und habe erst vor ca. 15 Jahren in Berlin auf einem Flohmarkt “Nesthäkchen und der Weltkrieg” erstanden. Welch ein spätes Glück!

    Nur bin ich nicht – wie wahrscheinlich viele Leser/innen – damit einverstanden,dass man die Originaltexte (so wie sie auch von Else Ury zu jenem Zeitpunkt gemeint waren) dermaßen verhunzt. Das Argument, dass die Texte für junge Mädchen u.U. “unverständlich” oder zu “schwierig” seien, zieht nun wirklich nicht.

    Selbst meine Oma – ich bin mit den Bänden anfangs der 50er Jahre aufgewachsen – hat mir damals erklärt, weshalb dieser Band nicht wieder aufgelegt wurde. Und das habe ich sehr wohl kapiert – was aber zur Folge hatte, das ich verzweifelt versucht habe, diesen Band irgendwie zu ergattern. Es dauerte, s.oben!!!

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